BOLIVIEN II – HEXENMARKT, KARNEVAL UND HÖCHSTER SEE DER WELT

29 02 2012

LA PAZ:
Nach einer ruhigen Nachtbusfahrt erreichten wir den bolivianischen Regierungssitz La Paz. Die 1,8 Millionenstadt erstreckt sich mit ihrer Vorstadt El Alto über eine große Fläche in den Anden. Durch die Hanglage hat man von verschiedenen Punkten in der Stadt immer wieder wunderschöne Ausblicke über die Häuser und die schneebedeckten Berge in der Umgebung. La Paz liegt auf 4.100 bis 3.200 m Höhe, wobei der Wohlstand der einzelnen Stadtteile mit der Tiefe ansteigt, da das Klima angenehmer wird, je weiter unten man sich aufhält.
Nachdem wir ein Hostel im Backpackerviertel gefunden hatten, ging es direkt auf Entdeckungstour. Kristin hatte 2003/2004 für ein halbes Jahr in La Paz gewohnt und ein Praktikum absolviert. Sie war natürlich mächtig gespannt, was sie von der vertrauten Umgebung noch wieder entdecken würde. Nachdem wir die Haupttouristenpunkte mit der mächtigen Kathedrale San Francisco und dem Plaza Murillo mit seinen Regierungsgebäuden besichtigt hatten, ging es weiter entlang der Hauptstraße in das Viertel Sopocachi. Neben einem schönen Aussichtspunkt auf dem Plaza Monticulo hatte Kristin damals gewohnt. Nach einer kleinen Suchaktion fanden wir Kristins altes Heim wieder. Die Tochter der damaligen Besitzerin bewohnte nun mit ihrer Familie die ehemalige WG und ließ uns in den Vorgarten. Wir hatten wirklich Glück: Sie erzählte uns, dass das Haus 10 Tage später abgerissen werden sollte, um einem neuen Haus mit vier Wohnungen Platz zu machen!
Der nächste Gang führte uns zur Bäckerei Arco Iris, von der Kristin schon erzählte, seit feststand, dass wir nach Bolivien kommen würden. Und wir wurden nicht enttäuscht. Kuchen und Brötchen kamen der deutschen Backkunst mit unter anderem dunklen Brot so nahe, wie auf unserer gesamten Reise noch nicht! 🙂
Abends gab es eine große Wiedersehensfreude, als wir Kristins alte Freundin und Arbeitskollegin Liz trafen und verabredeten uns nach dem ersten Treffen gleich für den nächsten Abend wieder.
Am kommenden Tag schlenderten wir über diverse Märkte, die schier miteinander verbunden zu sein schienen. Zum Beispiel waren wir auf dem großen Mercado Negro (Schwarzmarkt) in La Paz, wo von Elektrogeräten über Kleidung bis zu Nahrungsmitteln alles erdenkliche angeboten wird. Am interessantesten bzw. für westliche Augen sicherlich am Skurrilsten ist der sogenannte Hexenmarkt. Hier kann man – natürlich tote – Llamaföten in verschiedenen Entwicklungsstadien erstehen, die der Pachamama (Mutter Erde) geopfert werden können, sowie andere Glücksbringer und Zaubermittel für Gesundheit, Reichtum, Fruchtbarkeit, Glück, usw.
Am Donnerstag Abend machten wir uns auf in die Disco Malegria, denn wie schon vor acht Jahren gibt auch jetzt immer noch wöchentlich eine afrikanische Liveband mit Tanz und Gesang zwischen Salsa und Pop-Musik ihre Einlagen. Zusammen mit Liz sowie dem Pärchen Anne und Bertram, die wir in Sucre kennengelernt und mit denen wir uns hier wieder verabredet hatten, verbrachten wir nach längerer Zeit noch mal einen Partyabend und feierten in Anne’s 30. Geburtstag rein.
Gespannt waren wir auf das Coca-Museum, das einst als Aufklärung rund um die Coca-Pflanze errichtet wurde. Dort erfuhren wir viel über die Geschichte, den Mythos und die Verwendung der im Alltag Boliviens und vieler anderer Andenstaaten konsumierten grünen Blätter der Coca-Pflanze. Diese Blätter bilden zudem den Grundstock des nach einem aufwendigen und chemischen Verfahren entstehenden Kokains, dessen Konsum natürlich auch hier verboten ist.
In den folgenden Tagen machten wir von La Paz aus Ausflüge nach Oruro und in die Yungas bevor wir zur Weiterreise zum Titicaca-See aufbrachen.

ORURO:
Die absolute Karnevalshochburg von Bolivien stellt mit Recht Oruro dar. Wir wollten uns dies nicht entgehen lassen und fuhren am Karnevalssamstag, dem Haupttag, früh morgens in vier Stunden mit dem Bus dorthin. Es erwartete uns eine sieben Kilometer lange Parade, die außer ein paar als Altar geschmückten Autos einzig mit Fußgruppen besetzt wird. Diese sind entweder reine Tanzgruppen oder Blaskapellen. Es ist so andersartig zu sehen wie dort als synchrones Team getanzt und Musik gemacht wird. In prunkvollen Kostümen mit und ohne Maske oder in traditionellen Kleidern wird dort zusammen auf der Straße gefeiert. Insgesamt ist dieses Spektakel neben der Parade ein riesiges Geschäft und es gibt unzählige Straßenverkäufer, die in den Seitenstraßen oder an der Parade entlang permanent entweder feste wie flüssige Köstlichkeiten verkaufen oder einem Spritzschaumflaschen andrehen wollen. Diese verwenden zumeist Kinder während der mehrwöchigen Karnevalszeit um sich gegenseitig oder vorbei laufende Passanten nass zu spritzen. Gerne werden auch alternativ Wasserbomben, Eimer oder Spritzgewehre dafür zur Hilfe genommen.
Für Zuschauer sind an beiden Straßenseiten der Parade Tribünen errichtet, um das Spektakel so deutlich wie möglich bestaunen und miterleben zu können. Die Tribünen kamen uns eher provisorisch vor, da sie mit dünnen Stahlgestellen und Holzbrettern als Sitzgelegenheit zusammengeschustert sind. Auf die zu bezahlenden Tribünenplätze gelangt man oft nur durch eine Kletteraktion über die Stahlverstrebungen oder Schlängeln zwischen den Sitzbrettern. Wir beide machten uns zunächst auf einer kleineren Tribüne mit sechs Sitzreihen und insgesamt knapp 60 Plätzen breit. Wir saßen neben drei Indigenas, mit denen wir das ein oder andere Mal über Gott, Bolivien, Deutschland und die Welt ins Gespräch kamen.
Im Laufe des Tages wurde es sowohl auf als auch unter den Tribünen zwischen Häusern und Sitzbereichen immer voller und damit enger. Aus diesem Grund störte uns bei unseren Plätzen schon unser Rucksack eine ganze Weile, da wir kaum Raum für unsere Beine fanden. Wir setzten ihn daher zwischen unsere Beine. Christian machte ihn an dem vorhandenen Brustriemen zur Sicherheit an einer Stahlverstrebung fest, nicht zuletzt, weil Diebstahl insbesondere in Oruro bei dieser Karnevalsparade ein großes Thema ist. Irgendwann im Laufe des Nachmittags schreckte Kristin jedoch plötzlich auf und schrie, dass der Rucksack weg sei und sie noch merkte, dass er unter der Tribüne weggezogen worden sei. Ungläubig schaute Christian an die Stahlverstrebung und da war kein Rucksack mehr zu sehen und es lag auch keiner unter unserer Tribüne. Wir schauten uns daraufhin an und realisierten, was passiert war, worauf Kristin nur schrie: „Los, los!“ und Christian schon quasi unterwegs war. Adrenalin schoss ins Blut und auf ging es zur Verfolgungsjagd. Mit einem Tritt auf einen freien Platz vor ihm und einem Satz über die unteren voll besetzten Reihen landete er auf der Straße. Nach kurzem Sprint und Durchwühlen bis unter die Tribünenplätze stand er vor einer 50:50-Chance. Entweder ist der Taschendieb rechts rüber oder links, denn vor ihm gab es nur die Häuserwand. In diesem Augenblick sprach ihn eine Bolivianerin an und sagte ihm ganz aufgeregt, dass er rechts rüber laufen müsse. Der Gang war so voll gestopft mit einer Menschenschlange, dass nur ein Wegschieben und Durchhangeln ein Weiterkommen ermöglichte – wenn auch sehr zäh. Bald erreichte er wieder eine Abzweigung. Unfassbarerweise sah er etwa 10 Meter vor dieser Abzweigung unseren Rucksack auf der rechten Schulter eines etwa Anfang zwanzigjährigen Typen. Dieser überlegte gerade, ob er gerade aus weiter oder links abbiegen sollte. Und da stand Christian schon hinter ihm und riss ohne groß zu überlegen am Rucksack. Durch den Ruck fiel der Taschendieb auf den Boden und hielt sich noch an einem Träger fest bevor Christian das zweite Mal heftig am Rucksack riss bis er ihn nach einem lauten Knall – eine Schnalle riss ab – in der Hand hatte. Dieses Mal schaute der Taschendieb ungläubig vom Boden aus nach oben und Christian zeigte ihm nur die Faust. Daraufhin stand er auf und rannte davon. Nach einigen Sekunden ging Christian durch die Menschenmenge wieder zurück in Richtung unserer Tribüne. Leute, die er vorher anrempelte, freuten sich nun zu seinem Erstaunen für ihn, da sie wohl aufgrund seines Verhaltens mitbekommen hatten, was passiert war. In der Zwischenzeit wurde Kristin auf unserer Tribüne schon mit Fragen bombardiert, da unsere Nachbarn Christian zuvor wie einen geisteskranken Typen von der Tribüne springen sahen. Somit wusste der Großteil unserer Tribüne binnen weniger Minuten über den Vorfall Bescheid. Als Christian wieder zurückkam, vor der Tribüne stand und die Tasche immer noch fertig von der Verfolgungsjagd in Richtung Kristin hochhielt, gab es einen riesigen Applaus von der halben Tribüne. Von nun an blieb der Rucksack für die restlichen Stunden schön auf unserem Schoß liegen – Glück gehabt! 😉
Am späten Nachmittag machten wir uns wieder auf den Weg nach La Paz, um dort nach einer weiteren vierstündigen Busfahrt total fertig von dem Erlebten des Tages ins Bett zu fallen.

YUNGAS:
Die Yungas sind eine Region, die den Übergang zwischen dem Hochland der Anden (über 4.000m über dem Meeresspiegel) und dem tropischen Tiefland mit dem Amazonas-Regenwald (ca. 500m ü.d.M.) bildet. Liz hatte uns zu dem Haus ihrer Familie in die Yungas eingeladen und so machten wir uns am Karnevalssonntag auf in die Tiefe. Doch zunächst ging es mit dem Minibus hoch auf 5.200m, um dann einige tausend Meter hinabzufahren. Und das alles innerhalb von zwei Stunden. Kein Wunder, dass unsere Körper etwas durcheinander waren und sich besonders beschwerten, als es am nächsten Tag schon wieder aus der Wärme und hohen Luftfeuchtigkeit des Regenwaldes zurück in die Anden ging… Aber es lohnte sich dennoch und wir verbrachten zwei schöne Tage mit Liz sowie ihrer Mutter, Oma, Tante, ihrem Cousin und Hund in einem ruhigen Örtchen. Die Oma hatte noch bis vor 10 Monaten hier als Bäuerin gelebt und die Familie besitzt noch viel Land. Somit gibt es ständig frische (und riesige) Avocados, Papayas, Bananen, Orangen, Zitronen und sogar Kaffee und Schokolade, die die Familie selbst für den Eigenverbrauch herstellt. Besonders interessant waren die Traditionen zu Karneval, die die eigentlich sehr moderne Familie nach wie vor zelebriert. Alle Häuser und Felder werden mit 96%igem Alkohol (von dem man sich zwischendurch auch ruhig ein Schlückchen genehmigen kann) sowie Süßigkeiten gesegnet und dann werden Böller gezündet, um die bösen Geister vom Eigentum zu vertreiben. Laut genug war es und wir sind das ein oder andere Mal selbst vor dem Geböller der Mutter geflüchtet und daher sicher, dass es gewirkt hat… 🙂

LAGO TITICACA:
Der Titicaca-See ist mit einer Größe von 8.288 Quadratkilometern nicht nur Südamerikas größter See, sondern mit 3.810 m über dem Meeresspiegel auch der höchste See der Welt. Für uns bildete er bzw. die am See gelegene Stadt Copacabana die letzte Station in Bolivien, bevor es auf der anderen Seeseite weiter nach Peru ging.
Eine wichtige Nahrungsquelle für die Bewohner am See stellt der Fischreichtum – insbesondere der der Forelle – dar und somit aßen auch wir an drei Tagen dreimal frische Forelle in unterschiedlichen Zubereitungsarten und jedes Mal unglaublich lecker. Copacabana ist nicht nur ein Touristenörtchen und beliebtes Ausflugsziel, sondern auch Boliviens bedeutendster Wallfahrtsort. Die Kathedrale ist für einen solch kleinen Ort sehr groß und eindrucksvoll. Außerdem gibt es einen Kreuzweg auf den Cerro Cavalrio, der zudem eine wunderschöne Aussicht über Stadt und See bietet.
Wir planten einen Tagesausflug mit dem Boot auf die Inseln Isla de la Luna sowie Isla del Sol und hatten Glück mit dem zurzeit eigentlich unberechenbaren Wetter. Es ist absolut faszinierend, auf dem riesigen See zu sein und sich zu überlegen, dass man sich praktisch 4km über dem Meer befindet! 🙂 Die beiden Inseln sind absolute Touristenmagneten. Zur Ruhe und Schönheit der hügeligen Inseln können Spuren alter Tiwanaku-Stätten erkundet werden. Neben den Touristeneinnahmen leben insbesondere die 75 Bewohner der Isla de la Luna weiterhin vom Fischfang. Im Übrigen überraschte Christian, dass trotz der Abgelegenheit und „Größe“ der Inseln beide über einen angelegten Fußballplatz verfügen, auch wenn sich über den Zustand der „Rasenfläche“ streiten lässt.



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